Auch der National Republican Trust fährt momentan verstärkt Werbung, die wieder versucht, Vorurteile zu streuen.
Beide Kandidaten treten aber auch persönlich in unglaublich vielen Sendungen parallel zu ihren unglaublich vielen Rallies auf. Obama hat z.B. trotz des Todes seiner Oma nicht seine Wahlkampfauftritte unterbrochen. Live in New York kann ich ihn nicht sehen, hier ist die Sache ohnehin gelaufen. McCain hingegen war bei Saturday Night Live, das mit Palins Auftritt die besten Einschaltquoten seit 14 Jahren hatten. Die Fähigkeit zur Selbstironie (die Palin abgeht) ist für mich immer ein gutes Zeichen dafür, dass jemand sich selbst und die Umwelt reflektiert und hinterfragt. Das wiederum spricht für eine gute Urteilskraft. McCain ist immerhin wesentlich schlagfertiger als Obama und hat auch bei SNL gut ausgesehen (mehr dazu im Spiegel-Artikel):
McCain wäre Welten besser als Bush. "Maverick" hin oder her: McCain war auch tatsächlich immer jemand, der mit den Demokraten gut zusammengearbeitet hat und auch an sich nicht so für die Bush-Politik stand, wie dies Obama darstellt. Er könnte in einer schwierigen Lage beide Parteien hinter sich bringen. Allerdings hat er den Fehler der überhasteten Auswahl von Palin begangen, die politisch und vom folksy Stil her sehr an Bush erinnert. Über sie muss man wohl kein Wort mehr verlieren. Vor McCain habe ich dennoch Respekt, er war nicht die treibende Kraft an der Verschärfung des Wahlkampfes, als die er in Deutschland hingestellt wird, und weist des Öfteren diskriminierende Anhänger zurück (wenn auch die automatischen Anrufe und manche Spots nicht der beste Stil sind). Er hat vieles durchgemacht und einiges erreicht. Dennoch hat jemand, der mehr durch seine martialische Kriegsgefangenschaft und den psychologischen Folgen als durch Urteilskraft und zündende Ideen aufgefallen ist, nicht das notwendige Profil für eine Präsidentschaft in einer wirtschaftlichen Krise.
Obama hingegen wird wiederum Welten besser sein als McCain. Er ist die personifizierte Idee Amerikas. Zwar werden hier viele Anhänger, die Obama teils abgöttisch verehren, schnell auf den Boden der Tatsachen zurückkehren. Obama wird meiner Meinung nach Probleme haben, seine Versprechen z.B. bzgl. des Gesundheitssystems und Steuererhöhungen nur ab $250.000 Einkommen unter einen Hut zu bekommen. Auch in Deutschland werden sich manche über die Befürwortung der Todesstrafe für Kinderschänder und anderes wundern. Dennoch ist er der Richtige, nicht nur als wegweisender Denker, sondern vor allem durch sein Charisma. Er steht für mich schon jetzt mit Personen wie Martin Luther King oder John F. Kennedy in einer Reihe. Es geht nicht darum, was Obama wirklich in seinem Amt erreichen wird. Wenn man sich Kennedy's kurze Präsidentschaft anschaut, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass er ohne seine Ermordung nicht mehr so populär wäre. Vielmehr vereint alle drei die Fähigkeit, zu begeistern und zu motivieren. An etwas in der Zukunft zu glauben ("Yes we can", "Hope"). Menschen zusammen zu bringen. Hoffnung zu geben. Und das nicht durch Populismus oder Opportunismus. Obama hat es als erster Afro-Amerikaner zum Präsidenten des Harvard Law Journals geschafft,
Martin Luther King's "I have a Dream" kommt Obama ziemlich nahe. Die "people", die die Gründungsväter als Weiße verstanden, würden endlich alle Amerikaner einschließen, bzw. würden das Gefühl hervorrufen. Er vereint die Nation, indem er nicht die schwarze Karte ausspielt (Was er natürlich auch nicht muss, von den Afro-Amerikanern wird er ohnehin gewählt). Oder wie King dies ausgedrückt hat: "We cannot walk alone." Zwar gibt es inzwischen nicht mehr die offene Diskriminierung von Afro-Amerikanern. Gewinnt aber Obama, wäre dies das sichtbare Zeichen, dass ein tatsächliches, nicht nur öffentlich-oberflächliches Umdenken stattgefunden hat. Auch Joe Sixpack und Johne the Plumber hätten sich hinter Obama gestellt. Und das werden sie auch tun. Insofern ist diese Wahl eine wahrhaft historische.
Außerdem hängt die US-Wirtschaft mehr als jede andere von der Stimmung ab. Amerika ist abhängig von dem Glauben, dass es jeder Tellerwäscher zum Millionär schaffen kann. Hier ist (wirtschaftliche) Zukunft wichtiger als Herkunft. Dafür aber braucht es den Glauben in die Verfassung und Demokratie. Allerdings ohne einen Absolutheitsanspruch der Politik, sondern vielmehr als Folge der Summe des Engagements aller Individuen, als Regulariumm, dass die Selbstregulierung der Gesellschaft unterstützt. Und daher auch eine kritischere Presse als in Deutschland wahrgenommen hervorruft. Nicht zuletzt dadurch kommt ein Recht des Einzelnen am nächsten an einen Absolutheitsanspruch heran: Die Meinungsfreiheit. Der Amerikaner ist nicht so staatsgläubig wie der Deutsche. Er nimmt die Sache selbst in die Hand. Allein das Engagement für Obama macht mich sprachlos. Auf dem Rückweg heute bin ich an der Brooklyn Academy for Music vorbeigekommen. Oper, Theater und Café waren besetzt von weißen und schwarzen Anrufern, die Wähler in anderen Staaten unterstützen.
Die Philosophie des Glaubens an die eigenen Kräfte spiegelt sich auch in der Religion wieder - "In God we trust", nur eben nicht in einen bestimmten, und schon gar nicht einen, der einem alle Verantwortung abnimmt. Außerdem sieht die Verfassung im Gegensatz zu Bush eine Trennung von Kirche und Staat vor. Abgesehen von der Minderheit von Fundamentalisten wie Bush ist ein Absolutheitsanspruch in amerikanischen Religionen aufgrund der Vielfalt seltener anzutreffen als in Deutschland.
Auch das Bild der USA in Deutschland würde auf einen Schlag positiver, selbst wenn sich die Politik nicht im wesentlichen änderte. Wenn schon Amerika auch deswegen angefeindet wird, weil es als Beispiel von Individualisierung, Moderne und Globalisierung (don't blame them) mit diesen unvermeidlichen Phänomenen gleichgesetzt und angefeindet wird, hilft ein lächelndes Obama-Gesicht an der Spitze weiter. Auch wenn das nciht heißt, dass uns eine Amerikanisierung momentan genau so gut bekommen würde wie nach dem 2. Weltkrieg. Der Job damals ist ihnen einfach zu gut gelungen.
Die Welt würde Amerika wieder als das Land der Freiheit und Gleichheit wahrnehmen, als dass es sich selbst erschaffen hat. Durch aus Europa Vertriebene, die neugewonnene, demokratische Werte naturgemäß stärker bewahren möchten. Das Land der Freiheit und Gleichheit, in der es ein Kiffer an die Spitze von Harvard schaffen kann und ein Schwarzer ins Weiße Haus.
Yes he can!
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