Mittwoch, 5. November 2008

Obama Election 08 - It's a new day, it's a new dawn

Die ganze Geschichte fing mit einem Klingeln an. Wieder jemand, der mich zum Wählen für Obama überreden wollte? Nein, am Wahltag besuchte mich mein Vermieter Moe (unten 1). Ich habe noch nie jemanden so voller Vorfreude zu einer Schule gehen sehen (dort fand in meiner Straße die Wahl statt). Nach seiner Theorie wird es in genau 9 Monaten einen Baby Boom in Amerika geben. Den Anstecker musste er übrigens beim Wählen verstecken, ansonsten hätten sie ihn wegen verbotener Wahlwerbung nicht wählen lassen. Mich haben auch sofort Polizisten vom Fotografieren abgehalten. Die Schlange war sehr kurz (2), Mitstudenten mussten aber teils mehrere Stunden warten. Der Andrang war unglaublich groß. Vor der Schule wurden Fotos geschossen für die MoveOn-Organisation von Obama. Geschichte wurde festgehalten für eine "Hope Wall" (3).











Mit F., der Französin aus London (1), bin ich dann zum Rockefeller Center gefahren. Dort haben wir uns mit S., meiner neuen pakistanischen Nachbarin aus London, N., einer unserer Brasilianierinnen, und P., dem Inder, getroffen. NBC hat hier mehrere Studios auf der Election Plaza aufgebaut (2). Die für Weihnachten berühmte Eislaufbahn wurde in eine Amerika-Karte umgewandelt, auf der sich nach und nach erstaunlich viele Staaten blau färbten (3). 30 Rock, das Zentrum des Rockefeller Centers (Saturday Night Live, Top of the Rock, NBC Hauptsitz, ...), wurde jeweils zur Hälfte in blau und rot angestrahlt. Es gibt keine bessere Bühne.








Nach jedem Staat rückte einer der beiden Kandidaten Obama an der Fassade visuell höher in Richtung der magischen Marke von 270 Wahlmännern (siehe unten). Über Jumbo-Screens konnte man das ganze mitverfolgen, wenn man noch Platz gefunden hatte. Am Times Square hatte ABC viele der Werbeflächen gemietet. Millionen feierten in ganz Midtown.



Obama hat angefangen, Amerika zu verändern. Oder Obama ist das Produkt eines veränderten Amerika. Einer derjenigen, die bei uns standen, hat im Interview mit einem New Yorker Fernsehsender gemeint, dass all seine Ressentiments gegen Weiße in dieser einen Nacht auf dieser Straßenkreuzung verschwunden seien. Transformation im Schnelldurchlauf. Ich kenne jetzt unfassbar viele Nachbarn... Und wir haben sogar eine Asiatin von meiner Uni Cardozo getroffen, die um meine Ecke wohnt. Aber irgendwie waren in dieser Nacht alle Amerikaner Nachbarn.



Den endgültigen Sieg haben wir in einer Bar des Briant Park Hotels gefeiert und uns die gute Rede von McCain angehört. Danach wollten wir noch in einer Bar in meiner Nachbarschaft feiern, obwohl diese eiegntlich schon zu hatte. In Erwartung einer dunklen, verlassenen Straße sind wir aus der U-Bahn auf Hunderte feiernder, weinender, tanzender, singender, trommelnder, umarmender Menschen getroffen. Liest man das aus der Ferne, wird es pathetisch klingen. Ihr könnt mich auch gerne für verrückt halten, aber ich werde diese Momente der Nacht nie vergessen.

Was sich hier abgespielt hat, das kann man nur mit dem amerikanischen Wort "ebulliet" beschreiben, in etwa "überschäumen". Der Ausnahmezustand der Nacht zeigt sich auch daran, dass in New York das Trinken von Alkohol in der Öffentlichkeit sofort geahndet wird mit empfindlichen Geldbußen. Gestern aber sind wir einfach die paar Meter zu mir nach Hause, haben Wein und Bier mitgebracht und mit siegestrunkenen Menschen angestoßen. Polizisten standen direkt um uns herum (siehe unten) und haben uns noch auf den freien Champagnerausschank der Bar Moe's hingewiesen. Mit Nachdruck. Can we have another drink? Yes we can! Es war nicht der Beginn eines neuen Jahres, fühlte sich aber an wie der Beginn eines neuen Jahrhunderts.



Hoffentlich bleibt das öffentliche Alkoholtrinken nicht das Einzige, was er verändert hat. Zumindest diese Nacht der Verbindung von Menschen jeglicher Herkunft bis 6 Uhr morgens bleibt. Dennoch möchte ich nicht in seiner Haut stecken. Wird er der größte Präsident aller Zeiten als Mischung aus Mutter Teresa für das Gesundheitssystem, Martin Luther King für die Schwarzenbewegung und Mahatma Ghandi für die internationalen Krisenherde, dann hat er gerade so die Erwartungen erfüllt. Aber mir würde das schon reichen. Und von mir aus könnte er gerne etwas früher als Ende Januar anfangen.

Obwohl - Ich hätte heute lieber auch etwas später mit der Uni angefangen.

Keine Kommentare: